Informationen für Angehörige
Für Angehörige und Unterstützer:innen
Du begleitest einen Menschen mit psychischen Herausforderungen? Das zeigt große Stärke und Mitgefühl. Als Angehörige:r, Freund:in oder Partner:in spielst du eine wichtige Rolle – und dabei ist es völlig normal, sich manchmal hilflos oder überfordert zu fühlen. Diese Seite bietet dir Orientierung, praktische Tipps und Ressourcen für deinen Weg als Unterstützer:in.
💚 Denke daran: Auch du darfst dich um dich selbst kümmern. Selbstfürsorge ist keine Schwäche, sondern die Grundlage, um langfristig für andere da sein zu können.
Deine Rolle verstehen
Was bedeutet es, Angehörige:r zu sein?
Als Angehörige:r bist du oft die erste Anlaufstelle für Unterstützung, Verständnis und praktische Hilfe. Diese Rolle kann bereichernd sein, aber auch herausfordernd.
- •Du bist nicht verantwortlich für die Genesung, aber kannst ein wichtiger Teil des Unterstützungssystems sein
- •Deine Grenzen zu wahren ist nicht egoistisch, sondern notwendig
- •Du darfst auch eigene Gefühle haben – Frustration, Erschöpfung oder Hilflosigkeit sind normal
- •Informiere dich über die jeweilige Diagnose, um besser verstehen zu können
Realistische Erwartungen
Genesung ist kein linearer Prozess. Es ist wichtig, realistische Erwartungen zu haben und kleine Fortschritte zu würdigen.
- •Rückschritte sind Teil des Heilungsprozesses, nicht ein Scheitern
- •Veränderungen brauchen Zeit – manchmal Monate oder Jahre
- •Du kannst nicht "reparieren" – professionelle Hilfe ist oft notwendig
- •Feiere kleine Erfolge: Ein guter Tag, ein Arztbesuch, ein Gespräch
Kommunikation & Unterstützung
Aktives Zuhören
Hilfreiche Gesprächstechniken:
- ✓Stelle offene Fragen: "Wie kann ich dich heute unterstützen?"
- ✓Wiederhole das Gehörte in eigenen Worten
- ✓Halte Stille aus – nicht jeder Moment braucht Worte
- ✓Validiere Gefühle: "Ich sehe, dass es dir gerade schwerfällt"
Emotionale Unterstützung
So gibst du emotionalen Halt:
- ♥Zeige Geduld – Genesung ist ein Marathon, kein Sprint
- ♥Signalisiere: "Ich bin für dich da, auch ohne alles zu verstehen"
- ♥Ermutige zum Sprechen über Gefühle, aber akzeptiere auch Rückzug
- ♥Biete konkrete Hilfe an: "Soll ich für dich einkaufen gehen?"
Was vermeiden?
Diese Sätze helfen nicht:
- ✗"Reiß dich zusammen" oder "Sei nicht so empfindlich"
- ✗"Anderen geht es noch viel schlechter"
- ✗"Das ist doch alles nur in deinem Kopf"
- ✗"Du musst einfach nur positiv denken"
Praktische Alltagsunterstützung
Tagesstruktur fördern
Struktur gibt Halt und kann überwältigende Tage überschaubarer machen:
- Gemeinsame Morgenroutinen etablieren (z.B. zusammen frühstücken)
- Feste Zeiten für Mahlzeiten einplanen
- Kleine, erreichbare Tagesziele setzen
- Abendroutinen schaffen (z.B. kurzer Spaziergang)
- Schlafhygiene unterstützen (regelmäßige Schlafenszeiten)
Aktivitäten & Motivation
Sanfte Anregungen ohne Druck können helfen:
- Kurze Spaziergänge an der frischen Luft vorschlagen
- Gemeinsame Hobbys in kleinen Dosen ausüben
- Leichte kreative Tätigkeiten anbieten (Malen, Musik)
- Soziale Kontakte in überschaubarem Rahmen ermöglichen
- Erfolge sichtbar machen (z.B. durch eine Liste)
Praktische Hilfe
Konkrete Unterstützung im Alltag:
- Einkaufen, Kochen oder bei Haushaltsaufgaben helfen
- Termine organisieren und Begleitungen anbieten
- An Medikamenteneinnahme erinnern (ohne zu kontrollieren)
- Informationen über Therapiemöglichkeiten recherchieren
- Bei Behördengängen oder Anträgen unterstützen
Verschiedene Erkrankungen verstehen
Jede psychische Erkrankung hat eigene Besonderheiten. Ein grundlegendes Verständnis hilft dir, besser zu unterstützen und angemessen zu reagieren:
🌧️ Depression
Typische Symptome: Antriebslosigkeit, Interessenverlust, Schlafstörungen, negative Gedanken
Wie helfen: Geduld zeigen, kleine Aktivitäten anregen, professionelle Hilfe ermutigen, nicht drängen "sich zusammenzureißen"
😰 Angststörungen
Typische Symptome: Übermäßige Sorgen, Panikattacken, Vermeidungsverhalten
Wie helfen: Ängste ernst nehmen, nicht bagatellisieren, zu Expositionstherapie ermutigen, Sicherheitsverhalten nicht verstärken
🔄 Bipolare Störung
Typische Symptome: Phasen von Depression und Manie (Hochstimmung, Überaktivität)
Wie helfen: Frühwarnzeichen erkennen lernen, Medikamentencompliance unterstützen, in manischen Phasen vor Risikoverhalten schützen
💭 Borderline-Persönlichkeitsstörung
Typische Symptome: Emotionale Instabilität, Selbstverletzung, Beziehungsprobleme
Wie helfen: Klare Grenzen setzen, Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) unterstützen, nicht in Schwarz-Weiß-Denken verfallen
🔥 Burnout
Typische Symptome: Erschöpfung, Zynismus, reduzierte Leistungsfähigkeit
Wie helfen: Ruhepausen ermöglichen, bei Arbeitsplatzänderungen unterstützen, Grenzen setzen helfen, Erholung ohne Schuldgefühle ermöglichen
🍽️ Essstörungen
Typische Symptome: Gestörtes Essverhalten, Körperbildstörung, Kontrollzwang
Wie helfen: Nicht über Gewicht sprechen, professionelle Hilfe dringend empfehlen, Mahlzeiten ohne Druck begleiten, Kontrolle nicht übernehmen
Grenzen setzen & Langzeitstrategien
Gesunde Grenzen etablieren
Grenzen sind nicht egoistisch – sie schützen sowohl dich als auch die Beziehung:
✓ Beispiele für gesunde Grenzen:
- • "Ich bin für dich da, aber ich brauche auch Zeit für mich"
- • "Ich höre dir zu, aber ich kann nicht jeden Tag mehrere Stunden telefonieren"
- • "Ich unterstütze dich bei Terminen, aber du musst selbst anrufen"
- • "Ich respektiere deine Gefühle, aber verbale Angriffe akzeptiere ich nicht"
💬 Grenzen liebevoll kommunizieren:
- • Verwende Ich-Botschaften: "Ich fühle mich überfordert, wenn..."
- • Sei konkret und klar, aber empathisch
- • Erkläre, warum die Grenze wichtig ist
- • Biete Alternativen an: "Statt heute können wir morgen reden"
Langfristige Perspektive
Unterstützung ist ein Marathon, kein Sprint. Nachhaltigkeit ist der Schlüssel:
⏳ Realistische Erwartungen:
- • Genesung verläuft nicht linear – Rückschritte sind normal
- • Veränderung braucht oft Monate oder Jahre
- • Du kannst nicht "heilen" – das ist Aufgabe von Profis
- • Kleine Fortschritte sind große Erfolge
🔄 Anpassungsfähigkeit:
- • Sei flexibel – was heute hilft, funktioniert morgen vielleicht nicht
- • Lerne aus Erfahrungen und passe dein Verhalten an
- • Akzeptiere, dass du nicht immer die richtige Antwort hast
- • Feiere auch kleine Erfolge bewusst
Wann du selbst Hilfe brauchst
Als Angehörige:r kannst du auch an deine Grenzen kommen. Das ist völlig normal und kein Versagen!
Warnzeichen für Überlastung:
- Ständige Erschöpfung, Schlafprobleme
- Reizbarkeit, häufige Wutausbrüche
- Rückzug von eigenen Freunden und Hobbys
- Gefühle von Hoffnungslosigkeit oder Hilflosigkeit
- Körperliche Beschwerden (Kopfschmerzen, Verspannungen)
- Schuldgefühle, wenn du dir selbst etwas Gutes tust
- Vernachlässigung eigener Bedürfnisse oder Gesundheit
Hilfsangebote für Angehörige:
- Angehörigengruppen: Austausch mit anderen Betroffenen
- Psychologische Beratung: Auch für dich als Angehörige:r
- Online-Foren: Anonymer Austausch rund um die Uhr
- Psychoedukation: Seminare und Workshops für Angehörige
- Paar-/Familientherapie: Gemeinsam an der Beziehung arbeiten
- Auszeiten: Kurzzeitpflege oder Entlastungsdienste nutzen
💜 Wichtig: Wenn du selbst Hilfe suchst, ist das kein Verrat an der betroffenen Person. Im Gegenteil – nur wenn du gut für dich sorgst, kannst du langfristig unterstützen!
Krisensituationen erkennen
⚠️ Warnzeichen ernst nehmen:
- • Äußerungen über Suizidgedanken oder Selbstverletzung
- • Plötzlicher Rückzug oder drastische Verhaltensänderungen
- • Verschenken persönlicher Gegenstände
- • Hoffnungslosigkeit und Aussagen wie "Es ist alles sinnlos"
🆘 Im Notfall:
- →Sprich offen und ruhig an: "Ich mache mir Sorgen um dich"
- →Bleibe bei der Person, wenn akute Gefahr besteht
- →Hole sofort Hilfe: Notruf 112, Telefonseelsorge (0800 111 0 111)
- →Du trägst nicht die alleinige Verantwortung – professionelle Hilfe ist entscheidend
Selbstfürsorge für Angehörige
🌸 Deine Bedürfnisse sind wichtig:
Als Angehörige:r neigst du vielleicht dazu, deine eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen. Langfristig kannst du aber nur unterstützen, wenn du selbst Kraft hast.
💚 Praktische Selbstfürsorge:
- •Setze klare Grenzen und kommuniziere diese liebevoll
- •Plane bewusste Auszeiten und Erholungsmomente für dich
- •Suche dir selbst Unterstützung – Freunde, Familie, Therapie
- •Tausche dich mit anderen Angehörigen aus (Selbsthilfegruppen)
- •Halte an deinen eigenen Hobbys und sozialen Kontakten fest
Mythen & Fakten
❌ Mythos
"Wer psychisch krank ist, ist schwach und kann sich nicht zusammenreißen."
✓ Fakt
Psychische Erkrankungen können jede:n treffen, unabhängig von Stärke oder Charakter. Sie haben neurobiologische Ursachen und sind kein Zeichen von Schwäche.
❌ Mythos
"Reden über Suizid gibt Menschen erst die Idee dazu."
✓ Fakt
Offene, einfühlsame Gespräche über Suizidgedanken können entlasten und Leben retten. Das Thema anzusprechen zeigt, dass du dich sorgst.
❌ Mythos
"Mit genug positivem Denken wird schon alles gut."
✓ Fakt
Psychische Erkrankungen sind komplex und brauchen oft professionelle Unterstützung. Positives Denken allein ist keine Therapie und kann zusätzlichen Druck erzeugen.
❌ Mythos
"Wenn jemand nicht über seine Probleme spricht, ist alles in Ordnung."
✓ Fakt
Viele Menschen mit psychischen Problemen ziehen sich zurück oder verbergen ihre Schwierigkeiten. Stille bedeutet nicht, dass alles gut ist.
Hilfreiche Ressourcen & Anlaufstellen
Notfall-Hotlines
📞 Telefonseelsorge
0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
Kostenlos, anonym, 24/7 erreichbar
www.telefonseelsorge.de🚨 Notruf
112 – Bei akuter Gefahr
Für medizinische Notfälle und akute Krisen
Weitere praktische Tipps
👥 Gemeinsame Aktivitäten
- • Spaziergänge in der Natur ohne Druck zu reden
- • Gemeinsames Kochen oder leichte Haushaltsaufgaben
- • Filme schauen oder Musik hören
- • Kreative Tätigkeiten wie Malen oder Basteln
📅 Struktur unterstützen
- • Hilf bei der Etablierung einer Tagesroutine
- • Erinnere sanft an Termine oder Medikamente
- • Feiere kleine Fortschritte bewusst
🎓 Weiterbildung
- • Besuche Angehörigen-Seminare oder Webinare
- • Lies Bücher über die jeweilige Erkrankung
- • Tausche dich mit anderen Angehörigen aus
- • Nutze Online-Ressourcen und Informationsportale
💪 Langfristige Perspektive
- • Akzeptiere, dass Rückschritte normal sind
- • Behalte eine Balance zwischen Hilfe und Autonomie
- • Erinnere dich: Du tust bereits sehr viel
Gesprächsbeispiele für schwierige Situationen
Wenn jemand nicht über Gefühle sprechen will
❌ Weniger hilfreich:
"Du redest nie mit mir! Du musst mir sagen, wie es dir geht!"
✓ Besser:
"Ich merke, dass es dir schwerfällt zu reden. Das ist okay. Ich bin hier, wenn du bereit bist. Wir können auch einfach zusammen sein, ohne zu reden."
Wenn Therapie abgelehnt wird
❌ Weniger hilfreich:
"Du brauchst dringend Therapie, sonst wird das nie besser!"
✓ Besser:
"Ich mache mir Sorgen um dich. Viele Menschen haben gute Erfahrungen mit professioneller Unterstützung gemacht. Magst du dir das zumindest mal anhören? Ich begleite dich gerne zum Erstgespräch."
Bei Suizidgedanken
❌ Weniger hilfreich:
"Das darfst du nicht sagen! Denk an alle, die dich lieben!"
✓ Besser:
"Ich bin sehr froh, dass du mir das anvertraust. Das muss sehr schwer für dich sein. Hast du konkrete Pläne? Lass uns gemeinsam überlegen, welche Hilfe wir jetzt holen können. Du bist nicht allein."
Nach einem Rückschlag
❌ Weniger hilfreich:
"Aber es ging dir doch schon so viel besser! Was ist denn jetzt wieder passiert?"
✓ Besser:
"Rückschritte gehören zum Weg dazu und bedeuten nicht, dass alle Fortschritte verloren sind. Du hast schon so viel geschafft. Was brauchst du jetzt von mir?"
Do's & Don'ts im Überblick
Das hilft (DO's)
Aktiv zuhören ohne zu urteilen
Sei präsent und aufmerksam, ohne sofort Lösungen anzubieten
Gefühle validieren
Erkenne Emotionen an: "Ich verstehe, dass das sehr belastend für dich ist"
Konkrete Hilfe anbieten
Statt "Sag mir, wenn ich was tun kann" frage: "Soll ich für dich einkaufen?"
Geduld zeigen
Akzeptiere, dass Heilung Zeit braucht und nicht linear verläuft
Eigene Grenzen kommunizieren
Ehrlich sein, wenn du an deine Limits kommst
Kleine Erfolge feiern
Anerkenne jeden Schritt, egal wie klein er erscheint
Selbstbestimmung respektieren
Die Person darf selbst Entscheidungen treffen, auch wenn du anderer Meinung bist
Dich selbst informieren
Lerne über die Erkrankung, um besser zu verstehen
Das schadet (DON'Ts)
Probleme bagatellisieren
Vermeide: "Ist doch nicht so schlimm" oder "Anderen geht's schlechter"
Ungebetene Ratschläge geben
Nicht jedes Problem braucht sofort eine Lösung von dir
Vergleiche anstellen
"Als ich depressiv war, habe ich..." ist meist nicht hilfreich
Kontrolle übernehmen
Du kannst nicht die Genesung "managen" – das ist nicht deine Aufgabe
Eigene Bedürfnisse ignorieren
Selbstaufopferung führt zu Erschöpfung und hilft niemandem
Über die Person sprechen
Tratschen oder ohne Erlaubnis mit anderen über die Situation sprechen
Ultimaten stellen
"Wenn du nicht in Therapie gehst, bin ich weg" verschlimmert oft alles
Symptome persönlich nehmen
Rückzug oder Gereiztheit sind oft Teil der Erkrankung, nicht gegen dich gerichtet
Empfohlene Bücher & Medien für Angehörige
📖 Depression
- • "Angehörige verstehen und helfen" - Klaus Lieb
- • "Depression abzugeben" - Göran Tannhäuser
- • "Ich hatte einen schwarzen Hund" - Matthew Johnstone
📖 Angststörungen
- • "Leben mit Angst" - Jürgen Margraf
- • "Panikattacken und andere Angststörungen loswerden" - Klaus Bernhardt
- • "Das Angstbuch" - Borwin Bandelow
📖 Borderline
- • "Ratgeber Borderline-Störung" - Martin Bohus
- • "Grenzgänger" - Christa Rohde-Dachser
- • "Leben an der Grenze" - Jerold J. Kreisman
📖 Allgemein
- • "Der Angehörigen-Kompass" - BApK e.V.
- • "Hilfe für Helfer" - Andreas Knuf
- • "Das erschöpfte Gehirn" - Michael Nehls
🎧 Podcasts
- • "Psychologie to go"
- • "Die Psychologinnen"
- • "Angehörigen-Hilfe Podcast"
🎬 Dokumentationen
- • "Wie geht es dir?" (ARD)
- • "Kopfsache" (ZDF)
- • YouTube: "Funk - Psychologie"
Affirmationen für Angehörige
Als Angehörige:r brauchst auch du Ermutigung. Diese Affirmationen können dir in schwierigen Momenten helfen:
💜 Ich tue mein Bestes, und das ist genug.
💜 Ich darf auch eigene Bedürfnisse haben.
💜 Ich bin nicht verantwortlich für die Heilung.
💜 Es ist okay, auch mal überfordert zu sein.
💜 Meine Grenzen zu wahren ist nicht egoistisch.
💜 Ich darf um Hilfe bitten.
💜 Kleine Schritte sind wertvolle Fortschritte.
💜 Ich zeige Liebe durch meine Präsenz, nicht durch Perfektion.